Ungeachtet der Tatsache, dass unternehmerisches Denken in der heutigen Welt immer wichtiger wird, neigen viele zu einem festen Arbeitsplatz anstatt das Risiko einzugehen, etwas Eigenes zu wagen. Die Stabilität, die mit einer regulären Tätigkeit einhergeht, ist oft ein Schlüsselfaktor bei unseren Karriereentscheidungen. Claudia zeigt jedoch, dass es auch anders geht: »Ich habe den öffentlichen Sektor wegen meines Start-Ups verlassen, und die Leute sagen, dass ich jetzt echt glücklich aussehe. Ich lerne so viel, mein Netzwerk wächst ständig und ich bekomme unbezahlbare Einblicke in so viele Bereiche«, erzählt sie. Claudia hat während ihres Studiums immer auch gearbeitet. Nach ein paar Jahren bei der Deutschen Bundesbank als Ökonomin mit Schwerpunkt auf ökologisch-nachhaltige Geldwirtschaft hat sie nun ihr eigenes Start-Up auf die Beine gestellt: das Female Finance Forum. Manche sagen, dass sie mutig ist, andere bewundern ihren Einsatz für ihre Vision. »Die Leute begreifen für gewöhnlich nicht, warum du das machst, so wie es oft bei Start-Ups der Fall ist. Aber wenn dein Start-Up läuft, dann ist alles vergessen«, sagt sie. »Was mich antreibt, sind die vielen Nachrichten, die ich von Frauen bekomme, als Feedback für meine Arbeit oder einfach dafür, dass ich den Kontakt zu ihnen gesucht habe«, beschreibt Claudia ihre Motivation und fügt hinzu: »Ich wollte schon immer das Leben der Leute um mich herum besser machen.«

Nach einem Schulaustausch mit 15 nach Mexiko wuchs Claudias Interesse, in Zukunft einmal international Karriere zu machen. Sie schloss ihren Bachelor in International Economics an der Universität Maastricht ab, während sie zur selben Zeit ein Praktikum bei Ärzte ohne Grenzen in Bonn machte. Besonders während ihres Auslandssemesters mit Fokus auf internationalen Handel an der Universität Quebec in Montreal entdeckte sie, dass der private Sektor mehr ihren Interessen entsprach, »weil Handel so ein wichtiger Aspekt ist, wenn es darum geht, ein Land weiterzubringen«. Nach ihrem Bachelor absolvierte Claudia ein Praktikum in der Personalabteilung von Google in Paris, und konzentrierte sich dabei auf die internationale Rekrutierung von Mitarbeiter/innen. »Aber ich wollte HR nicht ewig machen«, erinnert sie sich.

»Ich war auf der Suche nach etwas Praktischem und wollte von der klassischen akademischen Welt wegkommen«, erzählt Claudia über ihre Motivation, den Master in Public Policy an der Hertie School of Governance (Hertie School) zu machen. Angefangen mit einem Seminar bei Mark Hallerberg tauchte sie in das Thema Wirtschaftsführung ein. »Ich habe an der Hertie School gelernt, mich kurz und knapp auszudrücken, was in der heutigen Welt sehr hilfreich ist«, stellt sie fest. Claudia machte ein Praktikum bei der KFW Entwicklungsbank in Frankfurt am Main, gefolgt von einem anderen Praktikum bei der gleichen Bank, diesmal aber in Nepal. Diese Erfahrung stellte sich als solide Grundlage für ihre berufliche Entwicklung heraus. Später wurde aus einer Traineestelle bei der Deutschen Bundesbank eine langfristige Stelle in der Abteilung für internationale Finanzangelegenheiten, wo sie sich auf die ökologisch-nachhaltige Geldwirtschaft der G20 spezialisierte und sogar an G20-Treffen teilnahm.

»Wenn Geld die Welt regiert, müssen wir sicher gehen, dass es in die richtigen Hände gerät«, sagt Claudia über ihre Motivation, ihr eigenes Start-Up zu gründen. »Im Female Finance Forum erkläre ich Frauen Finanzprodukte. Frauen werden immer noch zu wenig von der Finanzbranche beachtet«, erklärt sie. Ein Social Impact Lab Stipendium brachte ihr bei, »wie sie ihr eigenes Start-up aufbaut«. Ihre Kundinnen kommen aus vielen Bereichen: »Ich biete Pakete sowohl für gutverdienende Akademikerinnen an, Kassiererinnen von Drogeriemärkten oder Studentinnen der Frankfurter Universität. Letzte Woche hielt ich einen Vortrag vor Mitgliedern der Wiesbadener FDP.« Ihre Workshops sind auf die jeweiligen Zielgruppen genau zugeschnitten. »Im Durchschnitt dauert es zwei bis drei Jahre, bis man von seinem Start-up leben kann, aber wenn du ein Momentum hast, dann musst du das nutzen«, sagt Claudia. Die Arbeit häuft sich schnell an: »Ich arbeite an Wochenenden und Feiertagen«, erzählt sie, aber »ich mache »halbtags-Wochenenden« und manchmal auch Urlaub«.

Wenn Geld die Welt regiert, müssen wir sicher gehen, dass es in die richtigen Hände gerät, sagt Claudia über ihre Motivation, ihr eigenes Start-Up zu gründen.

Und es gibt jede Menge zu tun: Nach ihrer Funktion als Alumni-Vertreterin an der Hertie School of Governance und ihrer Rolle als Mentee von Stephanie Meier – einer »taffen Frau, die im Frankfurter Bankenviertel arbeitet«, wie Claudia sie beschreibt – ist sie als Teil von fellows & friends Koordinatorin einer Hertie Fellows Initiative. »Es geht vor allem um Soft Skills. Du musst wissen, wie man Leute mit einbezieht und Sitzungen moderiert, und darfst keine Angst haben, auf der Bühne zu stehen«, erklärt sie. Zusammen mit dem fellows & friends Programm hat Claudia das Hertie Network for Shaping Tomorrow’s Economy and Democracy ins Leben gerufen: »Hertie for Tomorrow ist ein übergreifendes Netzwerk. Die Vision ist noch nicht ganz ausgereift, weshalb meine Rolle darin besteht, die Arbeit aufzunehmen und anzustoßen, aber in der Zukunft die leitenden Rollen Anderen zu überlassen«, erklärt sie. »Meine Leidenschaft ist die ökologisch-nachhaltige Geldwirtschaft«, bringt es Claudia auf den Punkt. Mit der Arbeit ihres Start-ups und der des fellows & friends Netzwerks verbinden sich Claudias Bemühungen: »Mein Ziel ist ein Mentalitätswandel, die Art zu ändern, wie Frauen denken, und ihnen zu helfen, Geldangelegenheiten in ihre eigenen Hände zu nehmen«. Die Vision, die hinter ihrer Arbeit steckt, ist sogar noch größer, nämlich eine Gesellschaft, die von allen ihren Mitgliedern gleichermaßen gestaltet wird und in der Geld eine Schlüsselfunktion einnimmt.

« Prof. Dr. Birgit Liss Siddharth Merchant »